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Konservierung und Baubegleitung im Kloster Oberzell

Die einstige Prämonstratenser Abtei Oberzell wurde in den Jahren 1744 – 1760 von Balthasar Neumann geplant, zu großen Teilen fertig gebaut und nach seinem Tode 1753, durch seinen Sohn Ignaz zu Ende geführt.

Der Konventbau mit der prächtigen Sandsteinfassade, mit den Mittel- u. Eckrisaliten und dem dekorativen floralen Ornamentschmuck der Kapitelle und Flächenornamente ist bisher hinter der zur gleichen Zeit gebauten Residenz in Würzburg, deren Architekt er von 1719 – 1744 war, hinter den Kirchen von Vierzehnheiligen (1743), Neresheim (1745) und auch Maria Limbach (1751 – 55), vollkommen verblasst. Die Kunstgeschichte hat diesen Neumannbau kaum beachtet, wie er auch in den Nachschlagewerken über Balthasar Neumann keine Erwähnung findet.

Möglicherweise ist es darauf zurückzuführen, dass der Sohn das Werk seines Vaters zu Ende führte. Es bedurfte erst der Zeller Franziskanerinnen die Aufmerksamkeit wieder auf diesen barocken Klosterbau zu lenken.

Durch die gründliche Befunduntersuchung der Fassaden des Balth. – Neumann – Baues konnte der ehemals vorhandene hellgelbe Farbton des 18. Jh. auf der Sandsteinfassade und die weiße Absetzung der Rocaillen der Kapitelle und Wandornamente nachgewiesen und durch einen neuen Gelbton bzw. durch die Weißfassung rekonstruiert werden

Bei der Konservierung der Fassaden der Würzburger Residenz hatte man sich vor Jahren mit dem Neuanstrich, trotz eines gefundenen hellen Gelbtones und gefundener Weißfassung im Frontispitz sehr zurückgehalten u. den Sandstein nur mit einer farblosen grüngelben Lasur überzogen. Ein anschauliches Beispiel gibt in Würzburg die Fassade der Michelskirche, die trotz ihrer unterschiedlichen Sandsteine (grüne u. rote) ohne eine alles abdeckende Fassadenfarbe auskommen muss. Im 18. Jahrhundert hätte man eine solche Fassade als unfertig bezeichnet. In Oberzell hat die Baufrauenschaft des Klosters sehr viel kühner und entschiedener den gefundenen hellen Neapelgelbton rekonstruieren lassen.

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Abb. 1: Neufassung der Fassade nach historischem Befund.

Von der äußeren Erscheinung zu urteilen, zeigt jetzt der Konventbau in Oberzell an seinen Außenfassaden den kräftigen gelben Farbton den die Würzburger Residenz im 18. Jh. als Erstfassung ehemals auch hatte, aber heute nicht mehr besitzt.

Durchschreitet man nun das Portal des Mittelrisalites der Westfassade des Konventbaues in Oberzell, so erblickt man einen fast quadratischen Raum mit einer doppelläufigen Treppe, die zu einer dem Eingangsportal axial zugeordneten Empore, mit dreibogigen Arkaden als Rückwand, hinaufführt. Die beiden Treppenläufe werden von Balustern mit Handläufen und Absätzen für Skulpturen und Beleuchtungen begrenzt, wie sie auch in der Residenz in Würzburg zur gleichen Zeit entstanden sind.

So kann man sich des Eindruckes nicht verwehren in der baulichen Situation der Treppen zur Empore und diese im umbauten Raum, zusammen mit dem Deckengemälde, eine Verwandtschaft mit dem Treppenhaus der Würzburg Residenz festzustellen, wenn auch nur eine periphere.

Während im Treppenhaus in Oberzell der genial freigestaltete Stuck von Antonio Bossi (gest. 1765) stammt, er war seit 1734 Hofstuckateur in der Residenz Würzburg u. hat dort in der Hofkirche im Weißen Saal und im Kaisersaal den Stuck und die Skulpturen gestaltet, ist die Stuckdekoration des Treppenhauses der Residenz Würzburg erst im letzten Drittel des 18. Jh. entstanden.

Antonio Bossi hat nun im Treppenhaus des Klosters Oberzell in die 4 Ecknischen in der Höhe der Empore, die 4 Kardialtugenden als überlebensgroße, weibliche Stuckskulpturen platziert. Es sind dies in der Nord – Ostecke die „Erkenntnis“ mit dem Spiegel in der Hand, in der Nord – Westecke die „Gerechtigkeit“ mit der Waage, in der Süd – Westecke die „Mäßigkeit“ mit einem kl. Schälchen u. einem Krug und in der Süd – Ostecke die „Tapferkeit“ mit der Keule.

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Abb. 2: Tugend der Erkenntnis von Antonio Bossi

Alle 4 Stuckskulpturen spielen kokett mit ihren bildhauerisch akademischen Schreit – Positionen von Spielbein u. Standbein, sind körpernah in der damaligen Mode in Stuck geformt und von wehenden Stoffen, mehr enthüllt als bedeckt, umgeben. Die frei angetragenen, schwingenden floralen Stuckaturen an den Wänden u. der Decke ragen mit ihren Ornamenten, Wedeln, Blütengirlanden u. Beinen von Putten teilweise bis zu 40 cm weit in die Raumfläche hinein.

Der Stil Antonio Bossis ist hier in seine Endphase eingetreten. Der Stuck wirkt entmaterialisiert, ist genial erdacht u. virtuos geformt. Die Decke ist in zwickelförmige Segmente unterteilt, die auf künstlichen Kapitellen mit rocaillenartigen Endungen auf die Wände übergehen.

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Die untere Grenze des Deckenstucks geht harmonisch in den Wandstuck über. Dieser endet oberhalb der rundum laufenden Sandsteinbalustrade. Über den Zwickeln der Decke befinden sich 4 halbplastische Putti als Sinnbilder der 4 Elemente: Feuer, Wasser, Erde u. Luft.

Die Befunduntersuchungen am Stuck haben gezeigt, dass sich alle frei modellierte Stuckornamente und die Putten, die die 4 Elemente darstellen, durch einen leicht gebrochenen Grauton von minimal unterschiedlicher Intensität, von dem hellen Elfenbeinton des Hintergrundes absetzen. Die 4 Tugenden waren im Farbton eine Nuance heller als der Stuckhintergrund gefasst.

Zugleich weisen die Putten und die Skulpturen der Tugenden Pupillen ohne Binnenzeichnung in einem dunklen Grauton auf. Das Rahmenprofil um das Deckengemälde ist ebenfalls in einem Elfenbeinton gehalten. Das Deckengemälde des Treppenhauses zeigt die Grundsteinlegung des Klosters durch den Abt des Prämonstratenserklosters. Das Jahr der Entstehung wie auch der Maler des ehemaligen barocken Fresko – Secco – Gemäldes an der Decke sind nicht bekannt. Durch 2 quergestellte Mauern über dem Deckengemälde sind frühzeitig Senkungsschäden am Putz des Gemäldes entstanden die zu vermehrten Ausbesserungen geführt hatten. Der letzte Eingriff entstand 1908 als der bekannte Kunstmaler Eulogius Böhler das barocke Deckengemälde mit Ölfarben übermalte. Signiert hat es Böhler mit RENOV: 1908 – EBUR -.

Eigentlich hat er sehr geschickt die barocke Grundsteinlegung nachgemalt, in dem er der Zeichnung folgte und flächig Reste des alten Gemäldes u. entstandene Schäden überdeckte.
Im 18. Jahrhundert war das Deckengemälde in Kalkfarben auf den frischen Putz gemalt worden, die Korrekturen erfolgten damals mit leimverstärkten Farben. Es war damals ein helles farbintensives Deckenbild. Böhler wechselte das Bindemittel, vielleicht weil er die barocke Form, die Vorlage erhalten und keinen alten Deckenputz abschlagen u. keinen neuen auftragen wollte. Er verwendete Ölfarben, die stark dunkelten und das Gemälde heute schwerer erscheinen lassen als das Fresko – Secco – Gemälde des 18. Jahrhunderts.

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Abb. 4: Deckenbild mit der Grundsteinlegung des Klosters.

Die Konservierung im Jahr 2004 hat den Zustand des Putzträgers u. den der Malschicht konsolidiert u. verbessert. Das Deckenbild mit der Darstellung der Grundsteinlegung ist wieder zum Mittelpunkt des barocken Konzeptes geworden, getragen vom Netzwerk des Stucks über der herrschaftlichen Treppenanlage.

1760 war die Vollendung des Klosters ein glückliches Zeichen des Aufbruchs und Neubeginns für das Prämonstratenserkloster und seinen Abt. Dasselbe ist von 1901 der Neuinbesitznahme des Klosterbaues durch die Zeller Franziskanerinnen zu berichten.

Dass dieser tatkräftige u. sozial wirkende Konvent, ausgerechnet im 250. Todesjahr (2003) Balthasar – Neumanns, diesem kulturellen Denkmal wieder zum Leben verhilft ist wohl zufällig, aber desto trotz, nicht weniger hoch genug zu loben!


Anfang 2007 konnte die diffizile Konservierung und Restaurierung der strukturell geschädigten Stuck- und Deckenflächen sowie der Deckenmalerei in der Kapelle und Sakristei im Erdgeschoss fertiggestellt werden.

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Abb. 5: die Sakristei nach Abschluss der Konservierung und Restaurierung.

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